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Der Pferde-Zahnarzt (1930er / 1940er Jahre) Bernhard Grzimek (1909-1987), Dr. med. vet., Zoodirektor und Schriftsteller, der nicht mehr ganz so jungen Generation u.a. bekannt durch Buch und Film "Serengeti darf nicht sterben", hat in seinem kleinen Buch "Unsere Brüder mit den Krallen" 1943 einen Artikel aus dem Arbeitsleben des Tier-Zahnarztes Dr. Becker aus Sarstedt veröffentlicht. Anschaulich beschreibt er in einfachen Worten, was im Pferdemaul vor sich geht und wie der Pferdezahnarzt in den 1930er Jahren den Zahnproblemen mit Erfindungsgeist und Tatkraft zu Leibe rückte. Natürlich können auch Pferde unter Zahnschmerzen leiden. Ihre Zähne sind allerdings nicht nur sehr viel größer und fester als die menschlichen, sie arbeiten auch ganz anders: "So ein Pferdezahn im Unterkiefer ... wird dauernd hartnäckig auf seinem Gegenüber im Oberkiefer hin und her gerieben, bis die Haferkörner dazwischen zerschrotet sind. Wie jeder gute Mahlstein nützt sich so ein Zahn dabei ab, bis vier Millimeter wird er im Jahre kürzer und schiebt sich daher von unten her ebenso lang aus dem Kiefer neu heraus. Auf diese Weise haben unsere braven Pferde so gut wie gar nicht an der Karies, der Zahnfäulnis, zu leiden" Die Fäulnis beginnt beim Pferde fast immer auf der Kaufläche der Zähne. Sie kann aber nur selten wirklich Schaden anrichten, denn die kleinen Fäulnislöcher werden beim Kauen einfach mit weggerieben. Daher hatte 1943 - so Grimek - nur jedes hundertste Pferd Zahnfäulnis. Das Problem ist meist ein anderes. Bei einem Zebra, einem Wildpferd oder einem wilden Esel wird man nie ungleichmäßig abgenutzte Zähne finden. Nicht so beim Hauspferd: "Unsere Pferde ... brauchen keine Disteln, kein halb vertrocknetes Schilfgras mehr zu Brei zu zerreiben, sie bekommen das Stroh kleingehäckselt in die Krippe und guten Hafer dazu. Deswegen sind sie kaufaul geworden, ihr Unterkiefer rückt viel zu wenig dabei hin und her. So reibt sich bei vielen nicht mehr die ganze Oberfläche der Zähne an ihrem Gegenüber; die äußerste oder die innerste Kante kommt gar nicht mehr damit in Berührung. Also nutzt sie sich auch nicht ab. Da sie aber von unten immer nachwächst, gibt es bald einen Zacken, der immer spitzer und länger wird und schließlich oben ins Zahnfleisch, in die Zunge oder in die Wange dringt." Von etwa zehntausend Pferden, deren Zähne Dr. Becker im Laufe der Jahre untersucht hat, zeigten vier Fünftel ein fehlerhaftes Gebiß, die meisten hatten solche scherbenscharfe Zacken. "Wenn ein Pferd beim Kauen Schmerzen hat, dann nimmt es nur so viel und so lange Futter auf, wie es vom gröbsten Hunger dazu getrieben wird. Obendrein kaut es noch schlecht; viele Körner gehen ganz und unverdaut wieder ab, freudig begrüßt von den findigen Spatzen. Wenn man solchen Pferden die Zähne richtig in Ordnung gebracht hat, kann man ihnen ruhig ein oder zwei Pfund Hafer vom Futter abziehen, und sie werden trotzdem noch runder." Grzimek beschreibt die damalige Behandlung als eine für Tier und Arzt unangenehme Angelegenheit: "Die vorstehenden, zu langen Zahnenden konnte man abkneifen. Um aber einen Pferdezahn zu zerkneifen, dazu sind mehrere Zentner Druck nötig; man braucht also Zahnzangen mit sehr langen Hebelarmen und ziemliche Kräfte dazu. Oft wird der Zahn nicht glatt durchtrennt, sondern das Zahnende, das im Kiefer bleibt, splittert und springt auch noch; durch das Ziehen und Drücken wird der Zahn gelockert. Die kleineren Zacken kann man mit einer besonderen Stahlraspel abfeilen; aber da sie selbst diamanthart sind und da das Pferd bei so einer unsympathischen Kur auch nicht gerade den Kopf schön still hält, ist das ebenfalls kein Vergnügen." "Weil die Mundhöhle beim Pferde viel tiefer ist, mußten die Ansatzstücke viel länger als beim [Menschen-]Zahnarzt gebaut werden; weil die Pferdezähne so viel kräftiger und größer sind, wurden die Antriebsmotore, aber auch die Schleifstücke selbst sehr viel kräftiger. Sie haben heute achttausend Umdrehungen in der Minute, das entspricht einer Geschwindigkeit von sechzig Stundenkilometern, mit der sich die Scheibe auf dem Zahn dreht. [...] Die Bohrer für unsere eigenen Zähne haben nur zweieinhalbtausend Umdrehungen." "Weil die Pferdezähne, die so geschliffen werden, außerdem ja fast immer keine Faullöcher haben, sondern ganz gesund, nur zu lang sind, tut den Pferdezahnpatienten das 'Rädeln' nicht weh, und man braucht ihnen fast nie eine Spritze zu geben. Die Schleifscheiben sind aus diamantharten Carborundsplittern gemacht, die durch eine zementartige Kittmasse zusammengehalten werden. Die obersten, stumpfgewordenen Splitter brechen beim Schleifen allmählich aus, und in der weggeschliffenen Kittmasse treten wieder neue, scharfe Splitter an die Oberfläche. So wird die Scheibe zwar mit der Zeit kleiner, sie bleibt aber bis zum Schluß gleich scharf und griffig." Nebenbei entwickelte der findige Tier-Zahnarzt 1933/34 einen geeigneten Guss für Füllungen und Plomben. Anders als beim Menschen, bei dem die Amalgamplombe ein Fremdkörper ist, der dauernd im Zahn bleibt, wird beim Pferd nur das kariöse Loch ausgefüllt, so daß die Fäulnis nicht weiter fortschreiten kann. "Der Zahn wächst aber weiter aus dem Kiefer heraus, er wird oben abgeschliffen, und die Plombe mit ihm. Wenn die Plombe weggekaut ist, ist auch das Loch verschwunden, und es steht wieder ein gesunder, plombenloser Zahn da! Deswegen werden die Füllungen für Pferdezähne auch aus weicher Bronze gemacht, die sich mit dem Zahn zugleich abnützt." "Heute werden unsere Heerespferde bereits in fahrbaren Zahnstationen behandelt. Und nach dem Kriege wird einmal die Zeit kommen, in der alle anderthalb Jahre ein Pferdezahn-Auto in jedem deutschen Dorfe auffährt und alle Pferde der Reihe nach durchbehandelt werden. [...]" [Grzimek S. 203-208]
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